Den Schweriner Seentrail, genauer gesagt die "kleine Seenrunde" über 33 Kilometer, wollte ich eigentlich als Vorbereitung für den Hermannslauf Ende April machen. Leider bekam ich anmeldetechnisch beim Hermi keinen Fuß mehr in die Tür, weil ich etwas zu spät dran war. War aber kein Problem, hab ich halt meine Saisonplanung ein wenig angepasst und diesen Lauf als erstes Highlight der Saison auserkoren.
Das Training im Vorwege war nicht so, wie ich es mir gewünscht hatte. Zwei Erkältungen seit Jahresbeginn haben mir wichtige lange Vorbereitungsläufe geklaut, so dass mich mein letzter langer Lauf vor zwei Wochen bei herrlichstem Wetter von Wedel über Blankenese durch den Klövensteen nach Pinneberg führte und dabei 25 Kilometer zusammen kamen.
Intellenz vs. Dummheit

Mit Michaela war ich bereits am Freitagnachmittag nach Schwerin aufgebrochen. Nachdem wir unser
Hotelzimmer mit Seeblick bezogen und uns häuslich eingerichtet hatten, machten wir uns zu Fuß über den Schloßpark auf nach Sport Schefe, um meine Startnummer abzuholen. In der Mecklenburgstraße angekommen sahen wir schon das Zelt vor dem Laden, wo nette Menschen darauf warteten, uns die begehrte Nummer in die Hand zu drücken.
Als das abgehandelt war, ging es zwei Querstraßen weiter zu unserem
Schweriner Lieblingsrestaurant. Dort gab es nicht nur ein ausgesprochen leckeres Abendessen, sondern an einem Ständer vor der Toilette u.a. eine Karte von Pinax mit einem witzigen Spruch, den ich euch nicht vorenthalten wollte :-)
Kaltstart

Das mit dem kalten und warmen Start muss ich kurz erklären. Die Wettkampfbesprechung fand um 9:30 Uhr in der Turnhalle nahe des Ziels statt, im Prinzip der Dreh- und Angelpunkt der Veranstaltung. Als alle Teilnehmenden aufgeklärt waren, versammelte sich die Meute um 10 Uhr auf der Straße vor der Turnhalle zum Kaltstart, um gemütlich von dort gute 2,6 km zum eigentlichen Start (dem Warmstart) am Schweriner Schloss zu traben. Besonders beeindruckend war der Moment, als wir die Fußgängerzone runter direkt aufs Schloß zuliefen.
Warmstart
Nachdem noch schnell ein Gruppenfoto geschossen wurde, ging es nach kurzer Ansprache des Bürgermeisters um kurz vor halb elf auf die eigentliche Strecke. Zwei Stunden vor uns waren schon die Ultras gestartet, die sich die 61 Kilometerstrecke vorgenommen hatten. Um 11:15 Uhr startete noch der Trail4Fun-Lauf über 17 Kilometer, allerdings an anderer Stelle auf der Hafenpromenade am Ziegelinnensee.

Das Wetter war fast perfekt. Wieder einmal gab es strahlenden Sonnenschein bei gemittelten 11°C. Am Anfang war es etwas kühler, was sich dann im Laufe des Wettkampfes änderte. Ich war froh, in "kurz" losgelaufen zu sein und beneidete diejenigen in keinster Weise, die längärmelig oder in langen Hosen unterwegs waren. Ein wenig störend, aber nicht weiter schlimm, war der stramme Ostwind, der meistens von der Seite kommend über den See pfiff.
Genossen
Den ersten Teil der Strecke kannte ich sehr gut und konnte ihn aufgrund des angenehmen Tempos wunderbar genießen. Vor eindreiviertel Jahren war ich
beim Fünf-Seen-Lauf über 5 Kilometer hier durchgewetzt und im anschließenden Kurzurlaub sind wir die Wege zwischen Zentrum und unserer Ferienwohnung in Mueß gelegentlich abgeradelt.

Schon nach 2,6 Kilometern schickte uns der Veranstalter das erste Mal ins Unterholz. Vom schön zu laufenden Radweg mussten wir gleich mal eine nette kleine Rampe hochkraxeln, dann über einen Singletrail weiterlaufen, um mittendrin in einem Stau steckenzubleiben, weil es den gerade erklommenen Anstieg steil wieder runter ging. Nach 800 Metern war das Trail-Odeuvre gegessen und wir durften wieder den Radweg nehmen.

Es ging vorbei am Außenzaun des Schweriner Zoos und entlang des Zippendorfer Strandes. Ich fands schön, hier mal wieder entlangzukommen. Danach führte uns die Strecke ein bisschen durch ein Waldgebiet, aus dem wir nach knapp 7 Kilometern hart an der B321 entlang mussten, was ein kräftiges Kontrastprogramm zu der vorher erlebten Natur bedeutete. Aber Naturerlebnisse sollten wir in Kürze noch reichlich bekommen.
Zunächst ging es etwas urban durch den Ortsteil Mueß und an
unserem Lieblingsgriechen vorbei. Die folgenden Kilometer waren wieder schön "natürlich" und führten uns zum ersten VP am Schloß Raben Steinfeld (kurz vor Kilometer 11). Dafür mussten wir ein kurzes Pendelstück einen Anstieg hochackern, um dort unsere Zwischenzeit erfassen zu lassen, etwas zu uns zu nehmen und dann wieder den Berg runterzutraben. Ich verzichtete auf die Verpflegung, da ich noch genug Wasser und Gel in bzw. an meinem Hüftgurt hatte.
Gestolpert

Nun folgte der Einstieg in das Naturschutzgebiet und der schönste, aber auch härteste Teil der gesamten Strecke. Meine sympatische Namensvetterin
Ida-Sophie würde sagen, dass es jetzt "sehr technisch" werden würde. Zuerst war der Waldweg noch eingermaßen breit und gut zu laufen, aber er wurde immer schmaler und schlängelte sich immer mehr durchs Unterholz.

Hier war echt höchste Konzentration gefordert, da eine kleine Unachtsamkeit dazu führen konnte, dass man abrutscht und im See landet, weil der Singletrail häufig ganz knapp an der Wasserkante entlanglief. Immer wieder mussten wir über querliegende Bäume staksen oder uns unter schrägstehenden Bäumen durchquälen. Mich selbst hat es kurz hinter der Stelle, an der man steil runter an einem Seil entlanghangeln musste, auf die Knie gezwungen, weil ich mit dem Fuß irgendwo hängengeblieben bin. Aber bis auf eine leichte Verstauchung am rechten Ringfinger war nichts passiert. Dass das Gelenk immer dicker wurde, habe ich eh erst Kilometer später gemerkt, weil ich so konzentriert war und unter Adrenalin stand.
Eingenässt

Nach echt anstrengenden 8 Kilometern durch das Naturschutzgebiet war der zweite Verpflegungspunkt bei Kilometer 19 in Leezen erreicht. Hier gönnte ich mir einen Moment, um meinen Wasservorrat aufzufüllen. Das war etwas fummelig, da ich es nicht geübt hatte, aber schnell war die Trinkblase am Wasserkanister wieder voll. Dachte ich...
Denn beim Loslaufen, was in meinem Zustand eher ein langsames Vorwärtstaumeln war, merkte ich auf einmal, dass der untere Rücken und die hinteren Hosenbeine immer nasser wurden. Ich brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass ich wohl den Verschluss der Trinkblase nicht richtig zugeschraubt haben muss. Also durfte ich wieder anhalten und mangels Ablagefläche den Gurt auf die Straße legen und vernünftig verschließen. Leider konnte ich nicht abschätzen, wie viel Wasser dabei verlustig gegangen war und hoffte, dass es bis zum nächsten VP reichen würde.
Aus Leezen heraus führte die Strecke entlang eines gut zu laufenden Radwegs über Panstorf nach Rampe. Wobei gut zu laufen relativ war. Bei mir jedenfalls. Durch die Anstrengung im Naturschutzgebiet waren besonders meine Oberschenkel extrem sauer auf mich und hatten wenig Lust ihre Arbeit zu verrichten. Trotzdem schaffte ich es irgendwie bis Kilometer 24, meinen Schnitt unter 6:30 Minuten zu halten, was mich wirklich verwunderte.
Angefeuert

Kurz nach Kilometer 25 war ich am Parkplatz Paulsdamm verabredet. 13:11 Uhr hatte ich Michaela vorhergesagt und eine halbe Minute später bog ich um die scharfe Kurve dort. Schon von der Brücke aus konnte ich sie nicht erspähen und als ich den Parkplatz passierte, wurde es zur Gewissheit, dass wir uns wohl verpasst hatten. Etwas enttäuscht trottete ich weiter und der Schnitt sank auf etwas über 7 Minuten ab. Als ich dann links in den Frankenhorst abbog, sah ich auf einmal Michaela bei Kilometer 26 stehen und mich anfeuern. Ich reduzierte etwas und wir liefen gut 100 Meter zusammen, um das Nötigste auszutauschen. Das war schön und motivierte für den Rest.
In der Frankenhorstkurve am Landhaus war der Verpflegungspunkt 3 aufgebaut. Hier füllte ich ein letztes Mal Wasser in meinen Trinkbeutel und achtete tunlichst auf den ordnungsgemäßen Verschluss desselbigen. Danach schnappte ich mir noch eine handvoll Haferkekse, da meine Gelvorräte aufgebraucht waren, und begann sie zu knabbern, während ich mich einen fiesen Anstieg Richtung Gertrudenhof hochmühte.
Erhört

Richtig fieß war danach eine Singletrailpassage, die um ein Feld herumführte. Blöderweise fing ungefähr ab hier mein rechtes Knie an, mächtig weh zu tun. Ich versuchte es zunächst zu ignorieren, aber das half nicht und wurde so heftig, dass ich kurz davor war, Michaela anzurufen und mich einsammeln zu lassen. Nur wäre das hier mitten in den Karpaten ausgesprochen schwierig geworden. Aber ein bekennender Christ hat ja immer eine Geheimwaffe dabei ;-) Ihr ahnt es schon, oder? Jedenfalls wanderte ein Stoßgebet nach oben und "wie von Zauberhand" gingen die Schmerzen im Knie weg.
Gedisst

Auf echt schönen Trails liefen wir weiter entlang des Sees, viel über hügelige Wiesen, bis wir kurz nach Kilometer 30 den Park Sachsenberg querten. Hier lief Ulli, der als Ultra-Teilnehmer dort schon 58 Kilometer in den Beinen hatte, von hinten auf mich auf, überholte mich und fragte mit breitem Grinsen, ob ich den Kinderlauf mitmachen würde. Aufgrund meiner Müdigkeit fehlte mir die notwendige Schlagfertigkeit und ich beließ es dabei, ihm seine Boshaftigkeit zu vergeben.
So schnell, wie er auftauchte, war er auch wieder verschwunden und ich kämpfte mich über die langsam urbaner werdenden letzten Kilometer. Lag mein Schnitt die vergangenen Kilometer noch bei knappen 8 Minuten, so konnte ich auf Kilometer 32 etwas mehr Fahrt aufnehmen und eine 6:48 Minuten aufs Display bringen.
Gefinisht

Das Ziel mit dem blauen Kran war auf der Seeseite gegenüber bereits sichtbar und der Sprecher deutlich hörbar, trotzdem war für mich noch ein bisschen was zu leisten. Endlich erreichte ich die letzte Brücke und passierte Kilometer 33 mit 6:37 Minuten. Fühlte sich fast an wie fliegen, besonders, wenn man den einen oder anderen Mitstreiter hinter sich lässt. Noch einen kleinen Bogen auf der Rückseite der Alten Brauerei vorbei und schon war die letzte Kurve erreicht.
Und wenn die ganze Strecke nicht schon anstrengend genug gewesen wäre, durften wir die letzten 100 Meter auch noch über Kopfsteinpflaster bis ins Ziel holpern. Ok, noch mal kurz die Zähne zusammengebissen und letztendlich mit einem 6:44er Schnitt für die von mir gemessenen 33,7 Kilometer das Rennen beendet.
Fazit
Alter, das hätte ich nicht gedacht, dass das so ein hartes Ding heute wird. Ok, das Wetter und die Temperaturen waren perfekt, das hat geholfen. Auch, dass immer wieder flache oder asphaltierte Stücke dazwischen waren, auf denen man konsolidieren konnte. Aber dann immer wieder ins Gelände und auf unwegsames Geläuf, das hat mich ganz schön an den Rand meiner Leistungsfähigkeit gebracht. Daher fiel es mir die ersten Stunden danach etwas schwer, mich richtig zu freuen. Aber nachdem ich abends mit Michaela zu unserem Lieblingsrestaurant gehumpelt war und mir die Grillplatte mit Steakhouse-Pommes einverleibt hatte, sah die Welt schon ganz anders aus und die Freude wurde stetig größer.
Der Slogan "Wo ein Wille ist, ist auch ein Trail" von der Homepage des Schweriner Seentrails hat sich für den Veranstalter bewahrheitet, da er immer hart kämpfen muss (besonders für die Trails), dass Genehmigungen erteilt werden. Aus meiner Sicht hat der Veranstalter wirklich tolle Arbeit geleistet und für die Läuferinnen und Läufer ein fantastische Event um den See gezaubert. Die Strecke ist zwar hart, aber wunderschön. Besonders der Teil durch das Naturschutzgebiet. Vielleicht sieht man sich ja an gleicher Stelle mal wieder...
Ausblick
Mein Bedarf an Langstrecken ist aktuell gestillt. Der nächste längere Lauf steht erst Ende August auf dem Plan. In der Zwischenzeit und für die Abwechslung freue ich mich, die nächste Zeit wieder vermehrt auf kürzeren Distanzen flott unterwegs sein zu können. Ich bin gespannt, wie das klappen wird.
Zur kompletten Bildergalerie geht es hier lang.
Streckenkarte
Route map for Schweriner Seentrail 33 Km by Bernd Hegemann on plotaroute.com